
Religion ist in Graubünden das kleine Fach mit den grossen Fragen. Kleines Fach, weil 45 Minuten pro Woche nicht viel an Zeit sind. Und 45 Minuten sind so viel mehr als nichts. Religion ist ein ordentliches Schulfach, das ist gut so. Und alle, die es unterrichten, kennen die Herausforderungen zwischen den beiden Systemen Kirchgemeinde und Schule zu agieren.
Das vorliegende Lehrmittel soll Unterrichtenden ihre Arbeit erleichtern und sie dabei unterstützen. Es ist das erste digitale Lehrmittel für das Fach Religion im Kanton, basierend auf dem Ökumenischen Lehrplan für die Volksschule Graubünden von 2018. Seine Struktur ist so konzipiert, dass es jeweils zu den Kompetenzbereichen der einzelnen Schuljahre ausgearbeitete Lektionenreihen anbietet. Jede Lektion steht unter einer Frage.
Warum arbeiten wir in diesem Lehrmittel mit Fragen? Im Fach Religion geht es um die grossen Fragen des Lebens, wie der Philosoph Immanuel Kant sie pointiert hat: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Diese Fragen sind auch heute dringend. Jugendliche sagen von sich: «Wir sind eine Generation, die in einer fragilen Welt, manchmal harten, oft ungerechten Welt aufwächst» (Aline Marisoli, an der Trauerfeier für die Opfer von Crans Montana). Jede Zeit hat ihre Herausforderungen und trotzdem ist es so, dass die globalen Krisen unsere Welt und unser Leben ausgesprochen verletzlich machen. Das Fach Religion spielt in diesen Krisenmodus das Gotteswissen der Bibel, die Hoffnungen und Erfahrungen des christlichen Glaubens ein. Oder mit einem Bild ausgedrückt: Religionsunterricht findet in einem Raum statt, der nicht nur offene Fenster zu dem ihn umgebenden Leben nach links und rechts hat, ein Raum voll von menschlichen Fragen und Antworten, von Denken und Reden, sondern es ist ein Raum der Oberlicht hat, der «offen ist vom Himmel, von Gottes Wort und Werk her, und offen zum Himmel, zu Gottes Wort und Werk hin» (Karl Barth).
Wir können Gott nicht beweisen. Es handelt sich im Fach Religion nicht um ein durchführbares Experiment, wie beispielsweise das Aufzeigen der Schwerkraft in Physik. Und Gott ist auch keine zu lösende Rechenaufgabe. Das Oberlicht ist es, was unser Fach so besonders macht. Wir öffnen den Blick für die Gottesperspektive, führen sie in das gemeinsame Denken und Sprechen ein, erproben sie mit den Schüler:innen. Das ermöglicht Sinnstiftung und Orientierung. Im Religionsunterricht arbeiten wir an einem Deutungsrahmen für das Leben und die Welt.
Unterricht ist lebendig und attraktiv, wenn er kommunikativ ist. In ihm wird über Fragen und Sachverhalte gesprochen, die Heranwachsende interessieren. Und es wird so davon gesprochen, dass sie mitreden können und wollen. Religion lädt ein, Fragen zu stellen und gemeinsam zu denken. Ziel des Lehrmittels ist ein Religionsunterricht, der das Leben der Kinder und Jugendlichen, ihre Lebenswirklichkeiten, mit dem christlichen Glauben und der Bibel verknüpft. Die Brücke zwischen beiden sind Fragen, die des Lehrmittels und die der Lernenden. Jetzt lässt sich kritisch anmerken, dass es keine echten Fragen von Kindern und Jugendlichen sind, die das Buch strukturieren. Es sind Erwachsene, die an diesem Buch gearbeitet haben. Das stimmt. Wir im Kernteam haben zu ergründen versucht, was denn fraglich sein kann und ist an unserer Tradition, die auf der Bibel fusst, und an unseren Glaubensüberzeugungen.
Mit dem Lehrmittel arbeiten wir an der «Fraglichkeitsrückgewinnung». Kinder und Jugendliche sollen das, was im Fach Religion vorkommt, nicht einfach hinnehmen, nicht einfach für wahr halten. Wir fördern das individuelle Neugierverhalten, das in unseren Schulen so oft verlernt wird. Darum ist es zentral, dass der Religionsunterricht Fragen in den Kindern und Jugendlichen überhaupt erst weckt; fragen und staunen will gelernt werden.
Sie sollen Fragen fragen, wie beispielsweise: Warum ist Weihnachten mehr als ein Geschenkefest? Wie weiss ich, dass etwas gut wird? Warum soll ich mich bei Gott bedanken, er hat doch nicht gekocht? Und sie können ausprobieren, studieren, was das für sie heissen kann zu glauben, zu hoffen, zu vertrauen, zu Gott zu sprechen und zu klagen. Und wenn sie etwas für wichtig und richtig anschauen, sollen sie sich damit verbinden (können). So kann der christliche Glauben sinnstiftend werden für ihr Leben.
Dr. Barbara Hanusa
Autorin und Projektleitung